In der blauen Stunde Raum geben, was keinen Abschied hatte
„Nur eine kurze Zeit zwischen Dunkelheit und Licht, nur in der blauen Stunde, gelingt es uns, einander zu erkennen.“
Mit diesem Satz endet eine Textpassage in Weiß von Han Kang
Ein Satz wie ein Atemzug. Flüchtig. Wahr.
Und vielleicht beschreibt er keinen Moment besser als jenen, in dem Trauer endlich gesehen wird.
Die stille Trauer der frühen Verluste
Viele Frauen erleben eine Frühgeburt in den ersten drei Monaten.
Und viele von ihnen trauern – ohne es zu wissen, ohne es zu dürfen, ohne Raum dafür zu haben.
„Das kann schon passieren, gerade bei der ersten Schwangerschaft.“
So sagen es Ärzt:innen. Freund:innen. Familie.
Gut gemeint. Tröstend gedacht.
Und doch oft wie ein sanftes Wegwischen dessen, was da war.
Denn etwas war da.
Ein Leben – kurz vielleicht, aber real.
Ein inneres Wissen. Ein veränderter Blick.
Träume, Bilder, erste Pläne.
Ein leises „Du“.
Was fehlt, ist nicht nur das Kind.
Was fehlt, ist der Abschied.
Wenn Trauer keinen Namen bekommt
Diese Art von Verlust wird oft weitergetragen – still, tief, unerkannt.
Er meldet sich manchmal erst viel später:
in mentalen Durststrecken
in Übergängen wie der Menopause
in Momenten der Leere
oder wenn Kinder fragen:
„Warum habe ich eigentlich keine (oder nicht mehr) Geschwister?“
Dann taucht etwas auf, das lange keinen Platz hatte.
Eine Trauer, die nie verarbeitet wurde –
nicht weil sie zu groß war, sondern weil sie zu klein erschien, um gesehen zu werden.
Abschied von einem Leben, das da war
Ein Ritual, eine Zeremonie, ein bewusster Abschied kann hier etwas Entscheidendes verändern.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Sondern klar. Würdevoll. Sanft.
Ein Abschied von einem Leben,
das vielleicht nur kurz in dir war –
und trotzdem sehr präsent.
Ein Moment, um anzuerkennen:
Ich habe Leben empfangen.
Vielleicht einmal. Vielleicht zweimal. Vielleicht öfter.
Und auch wenn es kurz war, es war Teil von mir.
Dankbarkeit und Loslassen schließen sich nicht aus
Eine Zeremonie bedeutet nicht, die Trauer zu vergrößern.
Oft geschieht das Gegenteil.
Wenn etwas endlich benannt wird,
darf es sich verändern.
Dankbarkeit darf neben dem Schmerz stehen.
Loslassen neben dem Erinnern.
Ruhe neben der Bewegung.
Diese „Fehlgeburten“ – ein hartes Wort –
können als das gesehen werden, was sie auch waren:
ein wunderbarer Teil deiner Geschichte.
Vielleicht ist jetzt der Moment
Vielleicht liest du das hier
und spürst ein leises Nicken in dir.
Vielleicht ist jetzt diese blaue Stunde.
Dieser kurze Moment zwischen Dunkelheit und Licht.
Zwischen Damals und Heute.
Ein Moment, in dem du dich selbst erkennst.
Und das, was war.
Ein Abschied – ganz dezent.
Und doch bewusst.
Damit Frieden entstehen kann.

